Sonntag, 17. Februar 2019

Review: Gris - Il était une forêt... (CD, Sepulchral Productions - 2007)


Begeben wir uns nun in depressive Gefilde… Im Grunde genommen gehört der Depressive Black Metal nicht zu meinen bevorzugten musikalischen Ausdrucksformen, doch gibt es immer wieder Ausnahmen, und zu denen zählen in jedem Fall die Kanadier von GRIS. Denn deren Kunst geht über das übliche Trauerspiel hinaus und offenbart Einblicke in tiefe, teils von Schönheit durchflossene Emotionen.







Gegründet im Jahre 2004 unter den Namen NIFELHEIM, entschieden sich die beiden Künstler Neptune und Icare 2006 für die Umbenennung in GRIS (zu Deutsch „Grau“). Bevor im selben Jahr das Debütalbum Neurasténie erschien, hatte man bereits eine Handvoll Demos veröffentlicht, auf denen es noch etwas rauer zur Sache ging, auch wenn die depressive Grundstimmung sich bereits abzuzeichnen begann. 2007 brachte man dann das vorliegende Album Il était une forêt… heraus.

Wie an den Titeln unschwer zu erkennen ist, zelebrieren GRIS ihre Lieder in französischer Sprache, stammen sie doch aus der kanadischen Region Quebec, in welcher das Französische gegenüber dem Englischen überwiegt. Da ich selber kein Französisch spreche, musste ich wieder einmal auf einen Online-Übersetzer zurückgreifen und hoffe, den lyrischen Inhalt von Il était une forêt… zumindest dem Sinn nach korrekt wiederzugeben.

Beginnen wir gleich mit dem ersten Lied und Titelstück ‚Il était une forêt…‘ welches mit „Es war einmal ein Wald…“ übersetzt werden kann. Aus dem ruhigen Klang der Musik sowie dem Eingangsschrei ist umgehend der Schmerz herauszuhören, welcher das gesamte Album bestimmen wird. Zugleich erzeugt der dezent eingesetzte Synthesizer im Hintergrund eine mystische Atmosphäre, die den Hörer eintauchen lässt in einsame, mit dichtem Nebel verhangene Wälder. So spricht denn der Text auch von der Schönheit eines Waldes, in welchem die Werke der Menschen nur blasse Erinnerungen sind, und in dem die Kräfte der Natur friedlich miteinander harmonieren. Es geht darüber hinaus um das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit – die Nacht gebiert die Sonne, welche das Leben sprießen lässt. Dieses Leben wird irgendwann vergehen und wieder eintauchen in die Finsternis, und der Vorgang wird sich dabei stets aufs Neue wiederholen. Musikalisch erleben wir gleichermaßen ein Zusammenspiel aus ätherischen Klängen und verzweifelten Schreien, aus klirrenden Gitarren und verträumten Melodien.

Im zweiten Stück ‚Le gala des gens heureux‘ („Die Parade der glücklichen Menschen“) geht es weit misanthropischer zur Sache. Der Anfang klingt so, als handele es sich um eine Live-Aufnahme, aber da sich dieser Eindruck im Verlauf des Liedes nicht wiederholt, könnte es auch sein, dass die Stimmen und das Klatschen lediglich ein Sample sind, in Anspielung auf den Liedtitel.
Die Musik bleibt verträumt, dunkel und verzweifelt. Tragische Melodiebögen lassen einen den Schmerz noch intensiver spüren, den der Misanthrop angesichts der menschlichen Gesellschaft zu empfinden vermag. Denn bei ‚Le gala des gens heureux‘ handelt es sich um eine Aufzählung menschlicher Abgründe, wie Pädophilie, Drogenabhängigkeit, Schizophrenie und ähnliche Aspekte der wahrhaft schwarzen, menschlichen Natur. Ob man all diese Dinge bzw. Personen in einen Topf werfen sollte, ist mehr als nur fraglich (Drogenabhängige und Pädophile auf einer Stufe?), aber vielleicht interpretiere ich den Text aufgrund meiner mangelnden Französischkenntnisse auch nicht ganz korrekt… Aber diese Aufzählung existiert, hier dargestellt in einer Parade aus perversen Musikern. Der Protagonist des Stückes bringt seine Abscheu gegenüber der dergestalt vorbeiziehenden Massen zum Ausdruck und muss sich am Ende fragen, ob er selbst nicht gar der Anführer dieser Parade ist..?

‚Cicatrice‘ bedeutet „Narbe“ und handelt vom Suizid. Leicht schizophren klingende Töne leiten dieses Stück ein, sprechen von Wahnsinn und Verwirrung, haben gar etwas Gespenstiges an sich. Textlich wird von einer Todessehnsucht gesungen, vom Verlangen nach dem Strick, vom Ende der weltlichen Qualen. Teils sehr kraftvoll eingespielt, mit musikalischen Steigerungen, die wohl gleichzusetzen sind mit dem steigenden Wunsch nach Tod und Erlösung. Auch ein Klavier kommt unterstützend zum Einsatz, und zum Ende hin wird es ruhig, nahezu unheimlich – nur der Bass ist zu hören, ein wenig Schlagwerk, dazu gesprochene Worte. Ein Keyboard mischt sich ein, die Stimmung ist beinahe furchteinflößend, ganz am Ende scheint bereits das Jenseits zu rufen… ein großartig atmosphärisches Stück, in welchem der Suizid gar nicht so erlösend erscheint, wie es in anderen Darstellungen meist der Fall ist; vielmehr macht einem der Tod am Ende Angst, vielleicht kommt mit dem Strick keine Freiheit, sondern etwas weitaus Schlimmeres als das Leben, vor dem man fliehen wollte…

„Willst du tanzen?“ wird der Hörer im vierten Stück ‚Veux-tu danser?‘ gefragt. Gemeint ist natürlich der Tanz des Lebens und die damit einhergehende Überlegung, ob sich dieser Tanz überhaupt noch lohnt. Denn dieses Lied ist aus der Sicht einer Person geschrieben, die sich selbst verabscheut, die sich für eine Infektion, für eine Krankheit hält… Musik und Gesang beinhalten zugleich Trauer und Verzweiflung, jedoch ist die Gesamtatmosphäre sehr ruhig und lädt fast schon zum Träumen ein… Ab der Mitte des Liedes schlägt man wiederum vergleichsweise härtere Töne an, dann sind sogar Gitarrensoli zu vernehmen. Schön auch das vermeintliche Ende: Die Musik klingt ab, wird für einen Augenblick ganz still, dann setzt eine Akustik-Gitarre ein und erst dann erfolgt das große Finale, in welchem aller Schmerz noch einmal hinausgeschrien wird.

Das vorletzte Stück ‚Profonde misanthropie‘ („Tiefe Misanthropie“) schlägt textlich den Bogen zum Eingangslied. Besungen werden die Ruhe und der Frieden, welche in der Natur, jenseits der menschlichen Städte, gefunden werden können. Auch ist musikalisch die Nähe zu ‚Il était une forêt…‘ zu hören, vor allem durch das Keyboard, welches erneut diese mystische Spielart erklingen lässt. Die Atmosphäre erscheint jedoch etwas unheilvoller, bedrohlicher – und so endet der Text denn auch mit dem Tod des Protagonisten, dessen Leiche nun einsam zwischen Bergen und Wäldern ruht…

Den Abschluss des Albums bildet ein wunderschönes Instrumentalstück, welches sich den Geistern und Seelen der Bäume widmet, und deshalb den passenden Titel ‚La dryade‘ trägt.
Ich muss sagen, dass ich anfangs auf GRIS nur aufgrund ihrer Instrumentalstücke aufmerksam geworden bin, welche ich allesamt (auch die von anderen Alben) als äußerst romantisch (in einem dunklen Sinne) empfinde. Die schwarzmetallischen Lieder der Kanadier kamen erst später hinzu.
‚La dryade‘ ist lieblich anzuhören, verträumt, bezaubernd. Ein filigranes Zusammenspiel von Klavier und Geige, eher traurig denn verzweifelt. Ab der Hälfte mischt sich eine Akustik-Gitarre mit ein, und das Ganze wird zu einer wundervollen Harmonie, in der nichts mehr von dem Schmerz der vorangegangenen Lieder zu hören ist – obwohl die Schönheit dieses Stückes Hand in Hand mit einer Sehnsucht geht, die schon als schmerzvoll bezeichnet werden kann…

GRIS haben hier ein Werk geschaffen, welches den Hörer teilhaben lässt an Verzweiflung und Qual, das aber auch aufwartet mit einer dichten Atmosphäre, die kunstvoll das Depressive mit dem Unheimlichen verbindet, und somit Symbiosen erschafft, derer sich nicht jeder Künstler rühmen kann. Gerade diese Zusammenarbeit von Gegensätzen lässt Il était une forêt… zu etwas Besonderem werden, da diese Gegensätze sich nicht bloß abwechseln, sondern vor allem gemeinsam auftreten. Dieses Album ist kein Trauerklos, der nichts anderes kann, als sich selbst zu bemitleiden; nein, vielmehr geht es um Facettenreichtum und um unterschiedliche Empfindungen, beides miteinander vermischt. Und auch die Schönheit kommt nicht zu kurz – es ist eine erhabene Schönheit, welche den Hörer das gesamte Album über begleitet und ihren Höhepunkt im letzten Stück findet.

Hinweisen möchte ich außerdem noch auf das Logo der Band, in welchem wiederum die Gegensätze vereint sind – man sieht auf der einen Seite skelettierte Hände, auf der anderen Seite Hände, die leben; beide sind wurzelartig miteinander verbunden und streben auf dasselbe Ziel zu.
Im Booklet findet man darüber hinaus noch einen Text, der von einer frisch geschlüpften Raupe handelt. Diese beginnt ihr Leben auf einem Baum, und kriecht dabei über Äste und Zweige verschiedenster Beschaffenheit: Abgestorbene, und deshalb brüchige Äste; vorbei an Knospen voller Leben; über gefrorenes Holz; über kräftige Blätter, die golden im Sonnenlicht schimmern. Auch hier findet sich die Vereinigung von Gegensätzen, so wie diese ja auch Bestandteil des Bandnamens ist, denn Schwarz und Weiß ergeben Grau.

Verzweifelt aber erhaben, schmerzerfüllt aber wunderschön - großartiger Black Metal der depressiven Art!


Darbietungen:
01. Il était une forêt…
02. Le gala des gens heureux
03. Cicatrice
04. Veux-tu danser?
05. Profonde misanthropie
06. La dryade

Gesamtspielzeit: ca. 60 Minuten