Montag, 12. November 2018

Review: Tempers Creature - Sturm 1918 (CD, Wolfmond Production - 2018)

Nicht nur die Medien berichten dieser Tage vom Ende des 1. Weltkrieges, welches sich in diesem Jahr zum 100. Male jährte. Auch das süddeutsche Duo TEMPERS CREATURE widmeten sich mit ihrem aktuellen Album diesem dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte, im Gedenken an all' jene tapferen Soldaten und Menschen, die in diesem sinnlosen Krieg ihr Leben ließen. Ob es im musikalischen Sinne ebenfalls zu einem Monument taugt, möchte ich im folgenden ergründen...





Zunächst aber sei noch einmal kurz das bisherige Schaffen dieser Formation, bestehend aus Sänger und Multi-Instrumentalist Aurgelmir (ebenfalls mit GEISTERBANNER aktiv) und Náttfari, verantwortlich für das Schlagwerk und sämtliche Lyrik (ebenfalls in GEISTERBANNER und ADORIA aktiv), etwas beleuchtet. Gegründet im Jahr 2008, veröffentlichte man ein Jahr später eine erste Demo mit dem Titel Als die Hoffnung starb.... Mit Eternal Sorrow erschien dann 2011 die erste EP, ein Jahr später folgte das erste Album Thanatos. In den Jahren 2014 und 2015 folgten zwei weitere Alben, die den ureigenen Stil der beiden Herren, den sie selbst als "Atmospheric Suedian Depressive Heathen Metal" bezeichneten, weiter prägten. Bevor 2017 dann das bis dato letzte Voll-Album Schwäbisch-Fränkischer Sagenschatz (Lieder aus bayrischen Landen) erschien und zu dem sich >>hier<< eine Rezension finden lässt, veröffentlichte man 2016 noch eine Split mit ERDENTHRAENE über das inzwischen aufgelöste Kleinst-Label Winterwolf Records (die Veröffentlichung des voran genannten Albums sollte ursprünglich auch noch dort erfolgen). Bis nun aber Sturm 1918 seine Veröffentlichung fand, erarbeitete man in Eigenregie noch die Zusammenstellung Der alte Mann und das Meer - Zehn Jahre schwäbisch-heidnischer Musik, auf der man sich überwiegend dem Neofolk widmete, aber auch Bands wie AMON AMARTH, NARGAROTH und ABSURD coverte. Diese wurde der geneigten Hörerschaft als kostenloser Download zur Verfügung gestellt. Für Leute aus dem direkten Umfeld der beiden Mannen fertigte man sogar eine auf 10 Exemplare limitierte CDr-Fassung an.

Aber wie klingt es nun, das neue Voll-Album der Horde? Was man gleich nach dem ersten Durchlauf sagen kann, ist, dass es TEMPERS CREATURE dem Hörer auch auf ihrem aktuellen Werk nicht gerade einfach machen. Ihre Musik setzt sich wie bereits auf dem letzten Album aus vielen Elementen zusammen und wartet mit vielen Facetten auf. Das hat zur Folge, dass sich TEMPERS CREAUTRE zwar bewährter Mittel des räudigen Black Metal mit Pagan-Einfluss, wie auch des Neofolk bedienen - diese aber zu einer ganz eigenen Mixtur verbinden. Das wird wahrlich nicht jedem gefallen, und auch wie bereits beim direkten Vorgänger aus dem Jahr 2017 brauchte es auch bei mir ein paar Durchläufe, bis ich dieses Album in seiner Ganzheit erfassen konnte. Auch hier bauen viele Texte auf alter Lyrik auf. So etwa 'Auf den Feldern von Verdun' aus der Feder von Erich Kästner oder 'Ich hatt' einen Kameraden' von Ludwig Uhland, die noch nachträglich erweitert oder etwas umgedichtet wurden. Das Album selbst lässt sich dabei in drei Akte unterteilen, wobei jeder von einem instrumentalen Stück eingeleitet, getrennt oder beendet wird. Im ersten Akt geht es vornehmlich um die Soldaten, die trotz der drohenden und sich anbahnenden Niederlage tapfer marschieren und gegen die Feinde ins Felde ziehen. Dies gipfelt in dem ergreifenden 'Ich hab' es nicht gewollt', welches den Verlust vieler nicht nur tapferen Soldaten und Männern, sondern auch von Vätern, Söhnen - von Familie verdeutlicht. Selbst der Kaiser erkennt hier nun die Sinnlosigkeit dieses Gemetzels. Das 'Interludium' leitet dann den zweiten Akt ein, in dem der Gedanke des letzten Liedes noch weiter gesponnen wird und die Texte sich mit der direkten Verzweiflung der Soldaten an der Front auseinandersetzen, was auch in eindrucksvoller Weise gelingt. Ein besonderes Highlight dabei ist einmal 'Niedergang', das mit einem sehr geilen Death/Doom/Gothic-Part mit einem dementsprechenden sehr verzweifelt wirkenden Gesang aufwartet. Ein Stück, das direkt aus den 90ern stammen könnte. Das Schlagwerk nimmt dabei im Verlauf immer militärischere Züge an und bietet zum Ende hin gar noch etwas depressive Schwarzmetall-Tonkunst, bis ein Sample (Soldaten singen: "Wir sind verloren, wir sind verloren") das ganze enden lässt. Das zweite Highlight lässt sich dann im dritten Akt finden, der sich mit Erinnerungen beschäftigt. Es ist das traurige Stück 'Ich hatt' einen Kameraden', welches wieder sehr Death/Doom-lastig beginnt, danach Frauengesang bietet, der dann aber glücklicher Weise nicht so klingt, wie eine solche Kombo aus den 90ern, sondern eher an traditionelle weibliche Trauer- und Totengesänge erinnert. Die Parts mit dem keifenden Gesang von Aurgelmir lassen dann aber doch noch so einen gewissen "Die Schöne und die Bestie"-Flair aufkommen, ohne jedoch zu klischeehaft rüber zukommen. Das 'Bonusstück' ist mit Sicherheit nicht umsonst zwischen das letzte Lied und den Ausklang 'In stillem Gedenken' gesetzt worden. Da TEMPERS CREATURE jenes zusätzliche Stück auch nur jenen zugänglich gemacht haben, die auch die CD erworben haben, möchte ich hier auch gar nicht großartig etwas zu schreiben, lediglich, dass es sich hier um eine sehr gelungene und thematisch passende Nachspielversion handelt (wobei das Lied an sich noch wesentlich älter ist). Was vielleicht auch nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die Tatsache, dass man dieses Album dank der vielen, aber gezielt und wohl weislich eingesetzten Samples auch als musikalisches Hörspiel sehen könnte, welches eine durchgehende Geschichte erzählt. Gefällt mir wirklich ausgezeichnet!

Fazit:
Wie schon der Vorgänger aus dem letzten Jahr, so benötigt auch das aktuelle Werk der beiden Mannen aus Bayern vor allem eines: Zeit... und setzt damit natürlich auch eine gewisse mehr oder weniger intensive Beschäftigung des geneigten Hörers voraus. Auch nur dann wird es sich einem öffnen und erschließen. TEMPERS CREATURE haben mit ihrem Sturm 1918 ein musikalisches Denkmal für all' die sinnlosen Opfer in dem wohl schrecklichsten Krieg des 20. Jahrhunderts errichtet und erinnern fast auf den Tag genau 100 Jahre nach seinem Ende an dieses Kapitel menschlichen Elends! Die CD ist daher auch auf 100 Exemplare limitiert und kommt als CDr im Jewelcase, welches noch ein 8-seitiges Beiheft mit allen Texten umfasst. Zu erwerben gibt es das Ganze bei Wolfmond Production für äußerst faire 6,- Euronnen! Eine kurze nachträgliche Randnotiz sei noch erwähnt: das nächste Album steht bereits in den Startlöchern, wird den Titel Sögur tragen und wird sich thematisch mit den wichtigsten germanischen Königen und Fürsten beschäftigen. Die Veröffentlichung soll 2019 erfolgen.

Anbei gibt es das offizielle Video zu 'Niedergang' vom TEMPERS CREATURE-YT.

Denkmal für eines der düstersten Kapitel des 20. Jahrhunderts. Musikalisch räudig, emotional groß und durch und durch heimat-verbunden - ohne irgendwelche politischen Sparten bedienen zu wollen oder sich in Klischees verklärter National-Romantik zu verlieren.


Darbietungen:
01. Vorboten (Einklang)
02. Noch wehet stolz die Fahne
03. Auf den Feldern von Verdun
04. Ich hab' es nicht gewollt
05. Interludium
06. Niedergang
07. Wo namenlose Gräber steh'n
08. Ich hatt' einen Kameraden
09. Bonusstück
10. Im stillen Gedenken (Ausklang)

Laufzeit: ca. 50 Minuten




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