Sonntag, 18. November 2018

Review: FrostSeele - PrækΩsmium (CD, Self Mutilation Services / Razed Soul Productions - 2012)

Meinen Einstieg als Gastautor auf Unholy Black Art of Ritual will ich mit einer schwarzmetallischen Reise beginnen, welche gedanklich zum Ende eines Universums führt, welches unser physikalisches sein könnte, oder aber viel eher jenes in unseren Köpfen – in musikalischer Form dargestellt von der deutschen Ein-Mann-Kapelle FROSTSEELE.







Bei PrækΩsmium aus dem Jahre 2012 handelt es sich um die Debüt-Scheibe dieser Band, die ich musikalisch dem melancholisch-atmosphärischen Black Metal zuordnen würde. Der Titel des Albums könnte nahelegen, dass sich die Texte um eine Zeit oder einen Zustand vor Entstehung des Kosmos‘ drehen, so wie ihn auch andere Bands – in zumeist satanischer und/oder anti-kosmischer Form – ebenfalls besingen. Taucht man jedoch tiefer in die Inhalte ein, so wird bald klar, dass es eigentlich um das eigenes Ich geht – um die Negativität, die in uns wohnt und dazu antreibt, uns selbst zugrunde zu richten; die aber auch Altes zerstört um Platz zu schaffen für Neues.

Das Herzstück dieses Albums ist für mich bereits mit dem ersten Lied gegeben. ‚Die Architektur des Seins‘ beginnt mit dem Einsatz einer Akustikgitarre, um sich dann in erhaben-melancholische Black Metal-Höhen empor zuschwingen. Später werden die Akustik-Parts wieder aufgegriffen, und gegen Ende hin ist gar der Einsatz einer Violine zu vernehmen.
Gut eine viertel Stunde lang wird sich hier mit den selbstzerstörerischen Tendenzen des Menschen auseinandergesetzt. Textzeilen wie „Der Grund der Evolution: sich fortzupflanzen, ist völlig aus dem Sinn / Das Gegenteil, die Selbstzerstörung, steht an oberster Stelle“ kehren die schöpferischen Kräfte des Menschen in ihr Gegenteil. Der Mensch wird nur oberflächlich als stark betrachtet, in seinem Inneren ist er schwach und gebrechlich. Das Leben existiert nicht, um sich zu vermehren, sondern um sich selbst zu zerstören.
Depressive Gedanken, auf äußerst kunstvolle Weise dargestellt.

Weiter geht es mit ‚Diagnose‘ und der Betrachtung negativer Eingebungen, die von ihrer Wirkung her mit einem Virus verglichen werden. Gesang enthält dieses Stück nicht, dafür jedoch einige sehr passende Sprachsamples aus dem Film Inception. Musikalisch geht es etwas ruppiger voran, doch bleiben wir nach wie vor im melancholischen Bereich, inklusive Akustik-Gitarre und diesmal auch Keyboard.
Endet der Text des ersten Liedes mit einem Verweis auf den menschlichen Verstand und dessen Gedanken, so wird hier mit Hilfe der Samples beschrieben, wie jene Gedanken sich ausbreiten, Zweifel sehen und den Menschen bzw. dessen Weltanschauung und Überzeugung letztendlich zerstören können.

Ein Hoffnungsschimmer kommt im dritten Stück auf. ‚Du‘ - ein äußerst ungewöhnlicher Liedtitel für einen Black Metal-Song, und wirklich gefallen tut er mir nicht – was aber die Qualität des Liedes selbst nicht mindert.
Hier geht es darum, Zuflucht bei einem geliebten Menschen zu finden – Geborgenheit, Ruhe, Wärme; alles Dinge, nach denen sich wohl jeder sehnt, ganz gleich, welch kalten Black Metal-Habitus man an den Tag legt. „Du gibst mir das Gefühl, etwas Irdisches zu sein“ – bezieht sich dies auf den Umstand, dass man im wirklich privaten Bereich, also im Zusammensein mit dem/der Geliebten, jegliche hohen Ideale und große Ideen für einen Augenblick abstreift? Dass man in liebevoller Geborgenheit Attribute, derer man sich sonst rühmt (wie Erhabenheit, dem Streben nach Höherem und dergleichen), für einen Moment ruhen lässt? Weil man in solchen Momenten ganz irdisch ist und einfach nur ein Liebender, der die ganze Welt – und vor allem ihre Grausamkeiten – um sich herum vergisst?
Ich glaube, dass dieses Lied genau dieses Gefühl ausdrücken will. Doch am Ende – um der Thematik des Albums treu zu bleiben – verschwindet alles, die Liebe vergeht, Wärme verwandelt sich in Kälte.

Nun ist der Weg bereitet für die beiden letzten Stücke, beides Instrumentale.
‚Tabula Rasa‘ lässt eine Art Leere erklingen, die sich nach der Zerstörung des inneren, emotionalen Kosmos‘ ausbreitet. Ein Gefühl von Stille erfüllt den Raum und erschafft – wiederum in Bezug zur letzten Zeile des vorangegangenen Liedes – „das absolute Nichts“.

Den Ausklang bildet ‚LD 100‘, wobei ich nicht sagen kann, wofür diese Abkürzung steht. Musikalisch kommt hier nur ein Synthesizer zum Einsatz, welcher ebenfalls die bereits erwähnte Stille besingt, aber gleichzeitig auch von einer neuen Schöpfung spricht. Die Soundkulisse lässt die Entstehung eines nachfolgenden Lebens, eines nachfolgenden Kosmos‘ erahnen, und dies wird der Thematik absolut gerecht: Denn sobald etwas vergeht, kommt dafür etwas Neues. Die Gefühle und Gedanken des Menschen sind gereinigt, er ist bereit für einen Neuanfang. Wie dieser aussieht, bliebt dem Hörer überlassen – die Musik lässt keine konkreten Aussichten zu, sondern nur Ahnungen – man könnte sagen, dass mit diesem Stück das Album ein offenes Ende erhält…

Zusammenfassend sei gesagt, dass es sich bei PrækΩsmium um ein sehr melancholisch bis depressives Album handelt, welches sicherlich Liebhabern der härteren Gangart nicht zusagen wird. Wem jedoch kunstvoll zusammengefügte Passagen aus Black Metal, Akustikgitarren und Keyboards zusagen, der könnte durchaus seinen Gefallen daran finden. Erweitert man dies alles noch um den lyrischen Inhalt, so bietet diese Scheibe ein wundervoll philosophisches Gesamtbild, dessen Ideen zwar nicht neu sein mögen, das aber genügend Raum für eigene Interpretationen und Gedanken zulässt.


Darbietungen:
01. Die Architektur des Seins
02. Diagnose
03. Du
04. Tabula Rasa
05. LD 100

Laufzeit: ca. 44 Minuten


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