Montag, 19. November 2018

Buried & Forgotten... verlorene Schätze des Untergrunds #12: Am Mondesschatten - Atrium Sinistrum: Auf Nebelwinden (CD, Blutehre Records - 2002 / MC, Live Eclipse - 2018)

Ursprünglich hatte ich vor, dieses meiner Meinung nach großartige Erzeugnis durch und durch finsterer Klänge bereits wesentlich früher in dieser Reihe zu besprechen. Jedoch fiel mir auf, dass die digitale Version, die ich lediglich von dieser CD besaß, unvollständig war und satter drei Lieder entbehrte... dann erfuhr ich - und hier kommt wohl das Schicksal einmal mehr ins Spiel - davon, dass das aktuelle Live Eclipse Magazin die einzige offizielle Veröffentlichung in limitierter Auflage erstmals auf Kassette enthielt. Also musste ich nicht lange überlegen, und griff zu...




Das Dortmunder Projekt AM MONDESSCHATTEN setzte sich in seiner Grundstruktur aus Lestahn aka S. von DEATHGATE ARKANUM, Envimos von PANDORA (noch so ein unbekannter Name, der eigentlich einmal eine Erwähnung in dieser Reihe verdient hätte... kommt sicher noch - Anm.) und ex-PARIA (bis einschließlich zur Knochenkamp EP) und Drudavar (ex-BLACKTHORN), die auch dieses Kleinod zusammen eingehämmert haben. Zudem war AM MONDESSCHATTEN ein Teil der German Black Metal Horde (zusammen mit Bands wie OBSIDIAN).

Und diese Nägel, die man hier mit dem Hammer ins Fleisch gejagt hat, sind verdammt nochmal vor allem eines: dreckig, rostig und stumpf, so dass man die Freuden des Leidens und des Schmerzes noch länger auskosten kann. Atrium Sinistrum: Auf Nebelwinden umfasst eine Schaffensperiode von vier Jahren. Die wenigen Aufnahmen, die in dieser Zeit entstanden, lassen sich auf dieser CD finden. Als Außenstehender kam man dann erst mit der CD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 in den musikalischen Genuss dieser Band. Aber auch diese dürften wohl nur wenige Menschen besitzen, da sich die Auflage des bei Blutehre Records erschienen Tonträgers auf gerade einmal 66 Stück belief... daher kann man eigentlich auch getrost davon ausgehen, dass die Horde kaum ein Anhänger des Black Metal kennen dürfte, der nicht im Ruhrgebiet oder in der unmittelbaren Umgebung wohnt. Zu der Zeit der Veröffentlichung hatte man in Dortmund gar noch einen recht guten Anlaufpunkt für gerade solche Werke: Den Plattenladen Last Chance, den es inzwischen ja auch schon einige Jahre nicht mehr gibt (natürlich ist an solcher Stelle auch immer wieder Idiots Records als Dreh- und Angelpunkt zu nennen, doch hatte der Last Chance noch eine ganz eigene Atmosphäre inne und wirklich so ziemlich ALLES, was man sich nur vorstellen konnte... dort kam ich damals auch in den Besitz der CD Niederkunft des Chaos des kurzlebigen Projekts OBSIDIAN, das ebenfalls über Blutehre veröffentlicht wurde und welche ebenfalls aus Dortmund stammten. Von 2001 - 2010 waren sie dann noch unter dem Namen IGNIS URANIUM weiter aktiv).

Doch komme ich nun, nach diesem eher persönlich ausgelegten Teil, zurück zu AM MONDESSCHATTEN: Die Neuauflage dieser Demo-Präsentation auf Kassette stellt eigentlich genau die Veröffentlichungsform dar, welche die Aufnahmen im Grunde schon immer verdient hätten. Der Klang ist räudig und wie schon erwähnt dreckig. Absolute Finsternis, keinen Funken der Hoffnung in sich birgend und doch - vielleicht gerade deshalb - von einer innigen Faszination geprägt und von einer morbiden Schönheit für das Unbekannte, das Mystische. Oder wie es ein guter Freund von mir neulich auszudrücken pflegte, stellt Atrium Sinistrum: Auf Nebelwinden eines jener Schwarzmetall-Werke dar, welchen die Konvergenz zwischen Erhabenheit und Intoleranz geglückt ist. Das wird schon direkt am Anfang deutlich, wenn Lestahn dem Hörer zu Beginn des ersten Liedes - einem Nachspiel des DARKTHRONE-Klassikers 'Transilvanian Hunger' - ein verachtendes "DARKTHRONE IS FOR ALL EVIL IN MEN" ins Antlitz kotzt. Und ich muss sagen, dass dieser Song einer der ganz wenigen ist, wo ich wirklich für mich sagen kann, dass mich diese Version mehr berührt, als es das Original tut. Ehrlich zelebrierter Black Metal mit viel Herzblut, Schweiß und Tränen, der sich sicherlich nicht gleich jedem erschließen wird und bestimmt auch nicht jeden erreichen, wenn nicht sogar abschrecken wird. Denn die Wildheit und Räudigkeit der Musik ist gewiss nichts für Leute, die viel Wert auf eine gute, saubere und epische Produktion legen (aber die sind in meinen Augen wohl auch am besten in der Pop-Musik aufgehoben - spricht aber einmal mehr dafür, wie viel Pop-Kultur inzwischen im Black Metal Einzug erhalten hat - Anm.). Viel mehr richtet sich dieses 10 Lieder umfassende Werk an Leute, die im Black Metal auch in diesen Zeiten noch etwas mehr sehen, als "bloß Musik", "pop-kulturelle Kunstform" und "Konsumgut", die ihn nicht nur hören, sondern auch fühlen können und sich von ihm gerne auf geistige Reisen schicken lassen, sich von ihm treiben lassen und sich selbst in ihm verlieren wollen. In diesem Sinne: "Musik muss bluten - Black Metal ist Krieg!"

Als sehr schöne Beigabe erweist sich bei der Kassette auch das angefügte Textblatt mit einem kurzen Artikel des Live Eclipse-Machers s7s7b7, in welchem er seine Beziehung und seine Eindrücke zu diesem Kleinod des deutschen Undergrounds beschreibt.

Wer unbedingt die belabelte CDr in seinen Besitz bringen möchte, um seine Sammlung zu vervollständigen, dem kann ich leider auch nicht viel mehr als den Tipp geben, immer die Augen offen zu halten. Wer aber die in meinen Augen wesentlich hochwertigere und auch besser zur Musik passende Kassette haben möchte, der sollte sich beeilen, um noch eines der 99 Exemplare zu ergattern. Denn genau diese Anzahl an Heften des Live Eclipse #9 (welches übrigens auch mehr als lohnenswert ist) enthalten dieses Pro-Tape mit dreifach ausklappbaren Pro-Cover (einseitiger Druck) und Beiblatt.


01. Transilvanian Hunger (Englische Version)
02. Vor des Geistes Auge
03. Seelensabbat
04. Schreie aus Glas
05. Zirkel meiner Selbst
06. Ewigkeit
07. Atrium Sinistrum 1
08. Atrium Sinistrum 2
09. Atrium Sinistrum 3
10. In des Mondes Schatten (Roh-Version)


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