Sonntag, 22. November 2020

Vorab-Review: WitcheR - Néma gyász (CD, Filosofem Records - 2020)

Mit Néma gyász veröffentlicht das Projekt WITCHER aus Ungarn am 28.11.20 eine Neuauflage ihrer gleichnamigen EP, welche zuvor schon einmal im Jahr 2012 das Licht der Welt erblickte.
Dabei wurde sämtliches Material komplett remastered und das Ganze dann um einen kompletten Song erweitert.
Auch das Artwork wurde noch einmal komplett überarbeitet und angepasst, und wirkt nun wie eine Fortführung des Themas vom genialen letzten Album A gyertyák csonkig égnek.
Einmal mehr erfolgt die Veröffentlichung unter dem eigenen Label Filosofem Records...



Das Duo WITCHER aus dem Bezirk Vas in Ungarn gründeten taten sich bereits im Jahr 2010 zusammen und brachten seitdem eine Hand voll Splits, Demos und EPs, sowie zwei Alben hervor.
Begleitet wird Mastermind Roland Neubauer dabei von Karola Gere, die für die atmosphärischen Keyboards verantwortlich zeichnet.
Eine ausführliche Besprechung des zweiten Albums A gyertyák csonkig égnek aus dem letzten Jahr lässt sich nochmals >>hier<< nachlesen, für alle, die es verpasst haben sollten... dort gehe ich auch ein wenig intensiver auf die Geschichte der Band ein. Ebenso sicherten sich WITCHER mit ihrem atmosphärischen aber auch melancholischen Werk einen Platz in meinem persönlichen Jahresrückblick 2019 (immerhin unter den ersten 15 verortet!).
Die hier vorliegende EP wurde wie bereits erwähnt ursprünglich im Jahr 2012 veröffentlicht, damals als CD-r im DVD-Case unter dem Banner des unsäglichen Labels Rotten Crowz Productions (einfach mal auf diesen Seiten suchen... sorgt bei mir immer wieder für Lacher, was ich da von diesem "Label" zu Gehör bekommen habe...), später wurde Néma gyász durch die Deutsche Schmiede Schattenkult Produktionen dann noch auf Kassette aufgelegt, bevor sich die Band nun dafür entschied, jene in gänzlich neuem Gewand auf einem schön aufgemachten Silberling zu veröffentlichen. Klar, dass es sich hier nun um die bevorzugte Wunsch-Version dieses Werkes handelt.
Im dreifach ausklappbaren Beiheft lassen sich neben, Informationen und Portraits der beiden Protagonisten auch die beiden Original-Cover der CD-r und der MC finden, was die Sache in meinen Augen noch einmal etwas abrundet, da hier eine Art Kreislauf endlich geschlossen wird, da sich dieses Werk nun am Ende seiner langen Werdungsreise befindet. Die Cover der Split mit VELM (ebenfalls aus dem Jahr 2012) ist allerdings nicht abgedruckt, obwohl das zusätzliche Stück 'Keresztúton' im Original von jenem Werk stammt.


Der Titel des Werkes bedeutet ins Deutsche übersetzt in etwa "Stille Trauer"... und genau diese Stimmung vermögen WITCHER auf Néma gyász auch eindrucksvoll wiederzugeben.
Dabei handelt es sich bei ihrer Musik keineswegs um DSBM, oder überhaupt Depressive Black Metal, sondern eher um einen sehr mystisch angehauchten atmosphärischen Black Metal, der eine tiefe Melancholie und Nostalgie in sich trägt.
Diesen beinahe märchenhaft anmutenden Stimmungen steht der äußerst grimmige Gesang entgegen, was sich jedoch letztendlich nicht als wahllos zusammengewürfelter Firlefanz erweist, sondern als eine perfekte Symbiose aus Anmut, Schönheit, Mythologie, Trauer und Boshaftigkeit.
Also eigentlich genau das, was von von einer Horde erwarten dürfte, die sich selbst den Stempel "Witching Black Metal" aufgedrückt hat.

Das erste wirkliche Stück 'Egyedűl' ("Allein") folgt auf das hymnische instrumentale Dark Ambient-Intro und wartet bereits mit einer Länge von mehr als neun Minuten auf und bereits hier wird klar, dass sich Anhänger atmosphärischer Klänge, der finsteren Gangart auf Anhieb heimisch fühlen werden. Wer hier jedoch nach harmonischer Wald- und Wiesen-Thematik sucht, ist hier eindeutig fehl am Platz. Auch Puristen werden sich sicherlich mit den ganzen und recht verspielten sphärischen Synths, die einen nicht unerheblichen Teil der Tonkunst von WITCHER ausmachen, nicht so recht anfreunden können, wie ich mir vorstellen könnte. Jedoch macht die Band auch nicht Musik für jeden und ist weit davon entfernt, sich irgendwelchen Trends oder Dogmen zu unterwerfen, sondern zieht konsequent ihr eigenes Ding durch. Und das allein imponiert mir schon!

Mit dem zweiten Titel gebenden Stück setzt sich dieses Wechselspiel zwischen kalten, nahezu misanthropischen Schwarzmetall-Passagen und verträumten Keyboard-Klängen, welche die einsame Seele auf ihrem Weg durch die selbst gewählte Isolation hin zur Unendlichkeit begleiten.
'Néma gyász' erzählt von (ab)sterbenden Gefühlen und einem namenlosen Protagonisten, der sein Heil in der Einsamkeit zu finden sucht. Jedenfalls schließe ich das aus den paar Textfragmenten, die in der Translator-Übersetzung Sinn ergeben, denn wie schon bei dem letzten Album lassen sich hier auch Passagen finden, mit denen der Online-Übersetzer so seine Schwierigkeiten hat... die Intention wird jedoch mehr als deutlich.
So ein wenig musste ich hier in musikalischer Hinsicht auch an alte NARGAROTH denken, wenngleich mir natürlich klar ist, dass bei dem Projekt aus Deutschland nie eine derartig dominante Spielweise der Keyboards zum Einsatz kam... doch lässt der Black Metal in seiner bewusst monoton gehaltenen Art hier durchaus einen Vergleich zu.

Auch an BURZUM wird sich der geneigte Hörer dann und wann etwas erinnert fühlen, was vor allem aber auch im nächsten und rein instrumentalen Lied 'Esőnap' deutlich wird, da es doch einige Referenzen an die Synth-Phase der norwegischen Ein-Mann-Kapelle offenbart. Auch Dungeon Synth der Marke alter MORTIIS dürfte hier gewiss Pate gestanden haben.
Generell machen WITCHER aber auch keinen Hehl daraus, woraus sie ihre musikalische Inspiration ziehen.

Mit 'Keresztúton' erklingt dann auch schon der letzte und zeitgleich auch längste Song dieser CD (etwas mehr als 15 Minuten). Das Lied stammt ursprünglich aus dem gleichen Jahr wie auch die EP, ob aus der gleichen Session, weiß ich jedoch nicht zu sagen.
Es fügt sich jedoch von seinem Klangbild nahtlos in das übrige Geschehen ein und könnte also durchaus einmal aus der gleichen Aufnahme-Session gestammt haben, wurde dann letztendlich aber anderweitig verwendet.
Das Original erweist sich im direkten Vergleich um einiges rauer, doch die hier vorliegende Aufnahme erweist sich insgesamt als kälter, düsterer und sphärischer... das auf Klavier getrimmten Keyboard erinnert entfernt an EMPYRIUM (so ein wenig hat die Stimmung für mich etwas von 'Ode to Melancholy'). Ein gelungener Abschluss zu einem tiefgreifenden und emotionalen Werk...

Fazit:
Die beiden Ungarn legen mit ihrer neuen CD zwar kein wirkliches neues Material vor, dafür aber ein liebevoll und detailverliebtes restauriertes "Alt-Werk", welches sich mehr als nur hören lassen kann!
Die CD wird am 28. November in einem Jewelcase erscheinen, welches an der Front mit einem transparenten Logo-Sticker beklebt wurde und wird darüber hinaus noch ein dreifach ausklappbares Beiheft mit allen Texten enthalten. Über eine Limitierung ist mir nichts bekannt.
Zwecks einer Bestellung nehmt ihr am besten direkten Kontakt zu Filosofem Records auf.

Als angehängtes Video findet ihr eine Aufnahme des Songs 'Egyedűl' von der Original-EP. Sobald ein Klangbeispiel aus dem aktuellen Werk vorliegt, werde ich dieses auswechseln.

Emotionale Reise durch die Finsternis der Seele... atmosphärisch dicht und zutiefst ergreifend! Sicherlich wieder kein Werk, welches die große Masse ansprechen wird, aber die kleine Schar derer, die diese Art der Musik fühlen und begreifen können, werden an Néma gyász schwerlich vorbei kommen!


Darbietungen:
01. Intro
02. Egyedűl
03. Néma gyász
04. Esőnap
05. Keresztúton (bonus track)

Laufzeit: ca. 42 Minuten