Mittwoch, 24. Juni 2020

Review: Uprising - II (CD, Wolfsgrimm Records - 2020)

Bereits im letzten Monat erhielt ich Post von jemandem, mit dem ich so gar nicht mehr gerechnet hatte... die kleine aber feine deutsche Schmiede Wolfsgrimm Records fragte einmal mehr bei mir an und ich sagte natürlich freudig zu. Nichts ahnend, dass sich die allgemeine Situation hier noch ein wenig zuspitzen sollte, und ich auch für einige Zeit nicht so frei in meinen Gedanken war, dass ich mich in würdiger Weise einer Rezension hätte widmen können.
Daher war diese Besprechung ursprünglich auch als Vorab-Review angedacht, daraus wurde dann jedoch nichts...




Wie dem auch sei... die Ein-Mann-Band UPRISING aus München kredenzt der geneigten Hörerschaft mit ihrem schlicht II betitelten zweiten Album erneut ein recht ungewöhnliches, wohl gerade deshalb aber auch erfrischendes Werk, welches voller Kampfeswut, Aufstand und Revolution steckt. Eingebettet in ein machtvoll erklingendes Schwarzmetall-Gewand.

"Anticapitalist - Antireligious - Antifascist"

Pratogonist W alias Winterherz (dem einen oder anderen vielleicht auch durch seine Arbeiten mit WALDGEFLÜSTER und die inzwischen anscheinend eingemotteten SCARCROSS bekannt) macht gleich zu Beginn seinen Standpunkt mehr als deutlich und bereits die Aufmachung offenbart so einiges über die Intention hinter diesem Werk: Brennende Burgen, Kirchen in Flammen, aufständische Bauern, die sich mit Waffen und Stöcken gegen ihren König erheben, aufgeknöpfte Adelige, einem Pfaffen, dem von einem Bauern die Kehle aufgeschlitzt wird... die Botschaft ist unverkennbar und eigentlich eindeutig. Aufbegehren gegen Obrigkeiten, ein Aufruf an die Gesellschaft, sich endlich als eine solche mit entsprechender Verantwortung zu verstehen, eine Kampfansage an die stupiden und gleichgeschalteten Mitläufer, die keinen Funken Individualität mehr in sich tragen und einfach nur blind folgen.
Doch lassen sich diese Dinge nicht erst in den Illustrationen oder den Texten finden, auch der Name des Projekts an sich lässt bereits tief blicken, bedeutet er ins Deutsche übersetzt doch "Aufstand".

Nun liegt die letzte Beschäftigung mit der Musik von W meinerseits schon einige Jahre zurück... genauer gesagt, war dies im Jahr 2016 als das selbst-betitelte (bzw. unbetitelte) Debüt-Album erschien und - ich muss es gestehen - kaum vermochte ich mich noch an jenes Werk erinnern, bis ich es im Zuge dieser Rezension nun noch einmal anhörte. Die, wenn auch etwas kurze Besprechung lässt sich für alle Interessierten >>hier<< finden.
Von sich hören machte man dann auch erst wieder im letzten Jahr, als UPRISING erneut unter dem Banner von Wolfsgrimm Records die 7'' EP A Lesson in Basic Human Empathy veröffentlichte, welche eine frühe Version des gleichnamigen Liedes enthielt, das sich auch auf diesem Album hier finden lässt, sowie eine Cover-Version des Liedes 'Keep Away' der 1995 gegründeten Hard Rock- und Nu Metal-Pioniere GODSMACK.


Was mich nun wieder zu II kommen lässt... nach einer stimmungsvollen 'Introduction' unterlegt mit Samples und begleitet von schleppenden, sich aber stetig steigernden Instrumenten geht es auch gleich über in das erste Lied 'There's no such thing as Hope'.

"You know, hope is a mistake..."

Doch so das Leben bejahend, wie sich der Titel zunächst anhört, ist er im Grunde gar nicht - eher ganz im Gegenteil, denn hier wird nichts anderes als die Apokalypse heraufbeschworen, der Untergang aller Götter zur totalen Befreiung des Geistes. Natürlich eine bloße Utopie.
Die Menschheit ist in meinen Augen einfach zu unterentwickelt, um ohne Glauben existieren zu können, ohne die Dogmen und die Grenzen, die sie sich selbst erschaffen und auferlegt hat. Zwar gibt es gerade in der jüngsten Zeit immer mehr Leute, die endlich aufwachen - doch wird die Menschheit auch noch bis in ihren Untergang hinein im Namen ihrer den freien Geist versklavenden Religionen und unbedeutenden Götter Kriege führen, ausgrenzen, morden, erobern und weiter schänden. Denn die Menschheit hat sich nichts anderes verdient... doch wie der Titel des Liedes bereits sagt: Man wird ja (vielleicht) doch noch hoffen dürfen... (dies ist nun eine ziemlich pessimistische Sichtweise auf die Thematik und wie ich vermute auch nicht Teil der ursprünglichen Intention gewesen - Anm.).
Musikalisch betrachtet wird hier gleich aus den Vollen geschöpft und der schnellere Midtempo-Black Metal erweist sich nicht nur als ziemlich hymnisch, sondern auch als erfreulich detailverliebt und abwechslungsreich.

Mit 'Uprise Part II' bietet man dann sogar eine Fortführung eines Liedes vom Debüt-Album. Ein schneller und wütender Black Metal, der gerade in den Gitarren auch einige Death-Anleihen erkennen lässt. Die Stimmung, die hier erzeugt wird ist stolz und kämpferisch, passend dazu auch die Illustration zum Text, welche einen Bauern mit Forke und erhobener Faust zeigt, der anscheinend gerade seine Ernte eingeholt hat und sein Eigentum nun mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen versucht - und wenn es ihm das Leben kostet. Vielleicht sind so auch die weiteren Details im Bildnis zu erklären, wie der Totenschädel, der ihm zu Füßen liegt, oder die eher ritterlichen Waffen wie das Schwert, welches neben ihm im Dreck liegt.

"Raise your fists up high
yell a martial cry
Uprise above the skies
Strike off your puppet strings
with a rebellious song to sing
Uprise above all kings
Destroy this book so flawed
unmask this religious fraud"

Besonders hervorheben möchte ich hier auch die passagenweise recht hymnische Atmosphäre, die sich gerade dann zeigt, wenn die Gitarren eine eher getragene Stimmung annehmen und das Ganze dann noch mit einem epischen Chor untermalt wird.

"Uprise above all gods
When injustice surpasses
Fuel the conflict of classes
Uprise all you masses"

Das nächste Stück 'A Lesson in basic human Empathy' spricht den Hörer dann direkt an, sich von den Fesseln dieser auf Konformität geschalteten Gesellschaft, so wie sie in der jetzigen Situation existiert, zu befreien und für seine Freiheit einzustehen. Sich von Belanglosigkeiten wie dem Streben nach Macht und Geld zu lösen und sich auf das zu konzentrieren, was im Leben wirklich wichtig ist und Bestand hat. Ein Aufruf sicherlich, der die Masse nicht erreichen wird, aber vielleicht bei dem einen oder anderen auf Gehör stoßen wird.
Amüsante Anekdote, die mir dazu aus den aktuellen Gegebenheiten einfällt:
Es war doch einmal großer Trend, auf seinem Balkon zu stehen und wie ein Idiot für Pflegekräfte zu klatschen... nun, ich komme ja selbst auch aus der Branche, wie die meisten wohl inzwischen wissen dürften und das einzige, was mir in so einer Situation wohl als erstes durch den Kopf schießen würde, wäre dem erstbesten Klatscher selbst mal eine zu klatschen - direkt in seine dumme Visage. Leute, wenn ihr schon ehrliche Empathie zeigen wollt, dann engagiert euch... leistet ehrenamtliche Hilfe, Betreuung, geht von mir aus für Ältere einkaufen, was auch immer. Leider besteht das Gros unserer Gesellschaft aber nun einmal aus Heuchlern und Speichelleckern, denen außer ihrem eigenen Vorteil nichts am Herzen liegt und die dann allen Ernstes noch meinen, nur weil man mal für irgendetwas fünf Minuten klatscht, wäre die Welt ein besserer Ort. Fuck off, you cunts! (Um mal aus dem Text zu zitieren, hehe... das ist einfach ein Thema, das mich enorm aufregt  zur Zeit und regelrecht wütend macht!).
Der Text beschreitet aber ähnlich wütende Pfade, nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und zeigt sich entsprechend in den Instrumenten auch latent chaotisch und ziemlich düster. Auch am Ende wird noch einmal mehr als deutlich, welche Art von Mensch sich von diesem Text angesprochen fühlen sollte. Es bleibt nichts weiter als Verachtung!

Zunächst besinnlich wird es in 'Monuments', ein Stück, welches sich dem Thema Tod, Andenken, Vergänglichkeit und Unendlichkeit widmet. Und wie lächerlich von Menschenhand erbaute "Monumente" doch im Auge der Unendlichkeit sind.
Und dass das einzige Monument, was zählt nicht aus Stein erbaut wird, sondern dass wir uns unserer Sterblichkeit endlich bewusst werden und unser Leben wirklich leben und dazu nutzen, etwas von Bedeutung zu hinterlassen. Also bestenfalls mehr als Berge von Müll und eine tote Natur.
Das Lied hat in der Tat etwas sehr Ergreifendes und ist in seiner Grundstimmung auch eher von einer tiefen Melancholie geprägt, stellt aber auch wieder einen Appell an den Hörer dar.

"With swords in hands and warcries filling our chests
we stand proud in the face of this last quest
to vanish into nothingness with hearts ablaze
the only hope that our cries still echo in distant days"

Zum Ende hin wird hier sogar mit mehrstimmigem Gesang gearbeitet. Ein sehr sensibles und mehr als würdiges Finale für dieses Stück!

'The Iron Eagles still fly' ist nun nicht als versteckte Metapher für einen rechtsradikal geprägten Text zu verstehen, sondern ist äußerst wörtlich zu nehmen. Der Blick auf die begleitende Illustration verrät es: Eine abstürzende Boeing 737. Im Text werden hauptsächlich die beiden schwersten Unglücke in der jüngeren Vergangenheit vom 29. Oktober 2018 (189 Tote) und vom 10. März 2019 (157 Tote) benannt, doch richtet man sich im Text auch generell an die Skrupellosigkeit dieser Unternehmen, die stets auf ihre Kurse an der Börse schielen, stattdessen aber vielleicht auch einmal in mehr Sicherheit investieren sollten, denn schließlich sind ihr Geschäft Menschenleben... aber in einer Welt, in der bedruckte Scheine, oder noch besser: Nullen und Einsen mehr wert sind, als ein Leben, kann man auch ruhig diese Todesfallen fliegen lassen, die ja inzwischen immerhin nicht mehr produziert werden (trotzdem aber immer noch abheben dürfen).
Markant im musikalischen Geschehen ist hier mit Sicherheit der eingesetzte Klargesang im Refrain, aber auch die beizeiten sehr progressiv bis psychedelisch wirkende Gitarre. Auch lassen sich hier ein paar klare Referenzen an gute alte Norweger finden, wenn man aufmerksam hinhört.

Der letzte Song nennt sich 'Radical Deceney' und stellt zum Abschluss noch einmal einen richtig gehend wütenden, aber auch hoffnungsvollen Beitrag dar.
Wir sollten endlich damit anfangen, umzudenken - und zwar nicht nur ein paar, die es vielleicht ohnehin schon tun, sondern wir alle. Als geschlossene Gesellschaft. Denn letztlich kann nur Gesellschaft in unserer Kultur wirklich etwas ändern und Neues herbeiführen - und die Gesellschaft sind nun einmal wir - jeder Einzelne! Als nett empfinde ich in diesem Zusammenhang auch die Darstellung eines mittelalterlichen Arztes mit Pestmaske, auch wenn der Bezug zu aktuellen Geschehnissen in dieser Tragweite vielleicht gar nicht beabsichtigt war, so finde ich doch, dass diese sogenannte "Covid-19-Krise" das Beste ist, was unserer Gesellschaft passieren konnte, denn nun steht sie wirklich an so etwas wie einem Scheideweg und jeder kann ein Stück weit selbst bestimmen, wohin die Reise für uns als Gesellschaft geht.
Und ja, natürlich tat es auch unserem Planeten gut - zum einen durch die Dezimierung dieser parasitären Masse Mensch (und so hart es klingt: Der Mensch ist in den Augen der Erde nichts anderes als ein Parasit!) und zum anderen natürlich durch die weltweit mal mehr mal weniger scharf verhängten Lock-Downs.

Fazit:
Eigentlich muss ich gestehen, dass mir UPRISING's II schon beinahe eine Spur zu politisch geartet wäre. Aber darüber kann ich in dem Fall ganz gut hinweg sehen, denn in erster Linie geht es hier doch nicht um irgendwelche politischen Ansichten oder stupide "rot gegen braun, grün gegen schwarz, gelb gegen rot" Thematiken, sondern um den Drang nach Freiheit, den wir alle verspüren, aber nur selten wirklich ausleben (können). Weil wir in Normen und Werten festsitzen, die uns beigebracht wurden, die uns die Institutionen vorgeben, die uns gepredigt wurden. Uns wurde ein Leben lang erklärt, was wichtig in unserem Leben ist, doch dabei haben wir verlernt zu leben und aus den Augen verloren, was am Ende letztendlich wirklich zählt. Auch dieses Album wird faule und bequeme Gemüter wohl eher nicht dazu veranlassen, aus ihrer Komfort-Zone heraus zu kommen und für ihre Rechte einzustehen. Jene, die jedoch hinterfragen, die vielleicht schon aus dieser Lethargie erwacht sind, denen kann dieses Werk ein guter Wegweiser sein.
Das Album kommt einmal als CD im Jewelcase mit 12-seitigem Beiheft daher.
Darüber hinaus veröffentlichte Wolfsgrimm Records auch eine Vinyl-Auflage, die auf 300 Exemplare limitiert ist.

Black Metal mit radikalen Ansichten und einem Streben nach absoluter Freiheit. Ein großartiges Werk zwischen Aufschrei, kraftvoller Erhabenheit, Verachtung und Empathie... sensibel und ungebändigt wild zugleich - bitte mehr davon!


Darbietungen:
01. Introduction
02. There's no such thing as Hope
03. Uprising Part II
04. A Lesson in basic human Empathy
05. Monuments
06. The iron Eagles still fly
07. Radical Decency

Laufzeit: ca. 43 Minuten