Mittwoch, 3. April 2019

Review: Kirchenbrand - Gegenkultur (CD, Terror Records - 2018)

Der "Faustfick für die Szene" ist zurück! Gute 10 Jahre nachdem das Projekt KIRCHENBRAND aus Österreich ihr seit dem Jahr 2012 auf Listenteil B indiziertes Debüt Abgründe veröffentlichten. In meiner damaligen Besprechung konnte das Album immerhin 7.0 / 10 Punkten einsacken. Nun, seitdem habe ich nicht nur die Punkte-Bewertung auf U.B.A.O.R. abgeschafft, sondern auch KIRCHENBRAND, in Persona Christcrusher war keinesfalls untätig und veröffentlichte bis zur vorliegenden CD noch zwei weitere Alben und zwei EPs. Was man von Gegenkultur erwarten darf, lest ihr nun im folgenden...



KIRCHENBRAND  ging im Jahr 2006 aus der Asche von THY NEMESIS hervor, nachdem Christcrusher sich dazu entschied, diese aufzulösen und einfach sein eigenes Ding zu machen. Zwei Jahre später erfolgte dann die Veröffentlichung des ersten Albums über Nordsturm Productions (inzwischen ja auch aufgelöst... der Mann dahinter macht aber auch heute noch mit Kristallblut Records weiter - Anm.). Schon zur damaligen Zeit wurde das Projekt kontrovers diskutiert - allein wegen Titeln wie 'Nekrophilenpassion', die letztlich auch ausschlaggebend für die Indizierung durch die deutsche BPjM im Jahr 2012 gewesen sein dürften (das Verfahren scheint aber noch zu laufen, zumindest liegen mir keinerlei Informationen dazu vor, ob inzwischen eine Beschlagnahmung erfolgte oder das Album womöglich auf Liste A ungetragen wurde - Anm.). 2010 folgte das zweite Album Krankheit Mensch und ein weiteres Jahr später Abgang, welches auch erst einmal das letzte Werk KIRCHENBRAND's bleiben sollte, da die Zukunft des Projekts - nicht zuletzt auf Grund der Indizierung - mehr als ungewiss schien.

Erst im Jahr 2017 veröffentlichte Terror Records eine Box mit dem zweiten und dritten Album und wenig später folgte dann noch im gleichen Jahr die neue EP Hundefutter, welche zum ersten Mal in der Geschichte der Ein-Mann-Band ein Cover in schwarz/weiß bot.
Ansonsten zeigen die Frontbilder der Alben sich nämlich ziemlich farbenfroh und bieten stets eine provokante Mixtur aus Sex und Gewalt (Abgründe einmal ausgenommen). Auch das aktuelle Werk präsentiert sich wieder äußerst bunt und bietet einmal mehr vollbusige Damen, viel Lack und Leder, Waffen und todbringende, entschlossene Blicke.

"Sex und Tod. Typische Auswüchse eines verwirrten Geistes."
(aus dem Hörspiel Geisterjäger John Sinclair Folge 7: Das Horror-Schloß im Spessart)

Nun, ein Zitat aus einem Hörspiel anzubringen für ein Black Metal-Album erscheint auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr seriös. Doch macht es im Kontext dann doch irgendwie Sinn. Denn auf den ersten Blick scheint auch KIRCHENBRAND nicht sonderlich seriös als Ein-Mann-Black Metal-Kapelle, sondern lediglich als sich provozierend betrachtende Kontroverse. Wenn man jedoch erst einmal hinter diese vordergründigen Tittenbilder und provozierenden Bildnisse (Christcrusher in voller Montur inklusive Corpsepaint inmitten von Ski-Urlaubern) geblickt hat, wird man erkennen, dass dem Protagonisten die Ideale des Black Metal doch viel wert zu sein scheinen. Die Texte behandeln dabei aber nicht etwa Dinge wie Satanismus, sondern vielmehr steht hier Individualismus im Vordergrund, sowie Weltenekel auf die menschliche Zivilisation. Daneben kommt auch Misanthropie und Naturverbundenheit zum Ausdruck. Dem gegenüber stehen dann aber auch Titel wie 'Rigor Mortis' mit eindeutigen, bewusst anstößigen Inhalten. Gerade dieses Stück lässt auch einen lyrischen Vergleich zu 'Nekrophilenpassion' zu.

'Widerliche Welt' macht bereits zu Anfang deutlich, dass man kein gutes Haar an der Welt der Menschen lässt:

"Gift und Galle für euch alle
Und die Pest für den Rest
//...//
Ich hasse euch und eure widerliche Welt
Wir schaufeln unser eigenes Grab und alles hier zerfällt
Der Untergang steht schon lange vor der Tür
Denn wir sind hier das Krebsgeschwür"
//...//
Es gibt nur ein Leben und das ist beschissen
Dank all der Primaten ohne Gewissen
Sie töten und sterben für fiktive Wesen"

Instrumental gesehen beschreitet Christcrusher einen recht räudigen Pfad des Mitt-90er Black Metal und hält sich zuhauf im schnelleren Midtempo auf, bietet aber auch dann und wann ein paar stimmungsvolle Tempowechsel. Der Gesang steht für mich persönlich etwas zu sehr im Vordergrund und ist etwas zu laut. Vielleicht ist dies aber auch genau so beabsichtigt, dass der Eindruck entsteht, Christcrusher würde seinen Hass dem Hörer direkt in die Hörgänge kotzen.

"Ihr denkt nicht, doch ihr habt alle Recht"

Interessant ist auch sicherlich der Fakt, dass besonders provokante, aber auch besonders persönliche Passagen oder Schlagwörter in den Texten gesondert hervorgehoben wurden. So finden sich manche Fragmente klein geschrieben, manche sind groß oder umrandet, bunt unterlegt oder weiß mit schwarzem Hintergrund, manches wurde in Fraktur geschrieben, während beispielsweise der Titel 'Tot sein' in einem Schreibschrift-Stil geschrieben ist.
Ein besonderes Augenmerk möchte ich dahingehend auf das Titel gebende Stück legen, welches mit Sicherheit auch in mehrerlei Hinsicht interpretiert werden kann. 'Gegenkultur' wohl in erster Linie zu dieser verkommenen Gesellschaft, aber auch im Hinblick auf die eigene "Szene".

"Unwichtig ist heut die sogenannte "Moral"
Wirklich wichtig ist nur der Erhalt der Natur
Schmerzlich willkommen zur Black Metal Gegenkultur
//...//
Menschenhass als Gegenkultur
Der Dekadenz ein Gegenschwur
/.../
Lieber steht ich für mich allein"

Auch der Wiederkehr des Wolfes in Europa wird mit dem Lied 'Willkommen Wolf' gehuldigt, was mich besonders erfreut. Eine Huldigung an die Natur, dieses edle Geschöpf und ein Abgesang an die Menschheit.
In 'Lästerzungen' widmet sich der Protagonist seinen größtenteils unkonstruktiven Kritikern und setzt nicht nur ihnen, sondern der gesamten Gesellschaft einen Spiegel vor und rechnet mit gnadenlosem Zynismus auch mit Politik im Black Metal ab. Da bekommt selbst der letzte Satz Das Abendland hört Kirchenbrand im Kontext einen Sinn, bei dem ich auf den ersten Blick noch dachte: "Was für eine Ansammlung an minderwertigem Gehirnabfall ist das?!"

"Ich dachte, es wär genug gesagt, doch ihr zwang mich zurück
Und jetzt reiß ich wieder mein Maul auf, weil ich mich für keinen bück
//...//
Wegen jedem Mückenschiss wird heut ein Album indiziert
Doch es wir nur feig geheuchelt wenn mal wirklich was passiert
Und es gibt da eine Sache die ihr verdrängt oder nicht wisst...
Ihr hirnverbrannten Wichser, Herr Breivik war ein Christ!"

Harter Tobak für alle Moral- und Sittenwächter innerhalb der "Szene" und unserer Gesellschaft. Genau wie übrigens auch der letzte Titel 'Das letzte Gefecht', in welchem es um den Protagonisten bzw. das Projekt selber geht und der ja quasi den Nachfolger schon erahnen lässt.

"Moral ist heilbar doch nicht Scheinheilligkeit
Darum bleib ich gottlos und verkommen für die Ewigkeit"

Fazit:
Gut, ich muss gestehen, dass ich den Werdegang der Ein-Mann-Horde seit ihrem Debüt nicht mehr verfolgt hatte und nur durch eine Anfrage seitens Terror Records kam ich erstmalig wieder mit dem aktuellen Schaffen von KIRCHENBRAND in Kontakt. Und ich muss sagen, dass ich das hier gar nicht einmal schlecht finde, jedenfalls ist 'Gegenkultur' in meinen Augen weit entfernt von der Schlechtigkeit, die KIRCHENBRAND ja so oft und von vielen Seiten bescheinigt zu werden scheint.
Von dieser ganzen Kritik an dem Projekt bekam / bekomme ich allerdings nicht so viel mit, da ich mich für die "Szene" an sich schlichtweg nur noch zu wenig interessiere. Die Black Metal "Szene" ist in meinen Augen heutzutage nicht viel mehr, als ein Abziehbild dieser verkommenen Konsumgesellschaft und ist es einfach nicht wert, beachtet zu werden. Da sind Horden, die den alten Geist hoch halten, umso wichtiger. KIRCHENBRAND ist definitiv nichts für labile Menschen, oder Wannabes, die sich bei jeder Anstößigkeit sofort auf den Schlips getreten fühlen, geschweige denn für Leute mit Sinn für ausgefeilte Melodien. Hier gibt es Black Metal direkt in die Fresse...
Das Album gibt's als CD im Jewelcase. Interessenten wenden sich mit ihrer Bestellung vertrauensvoll an Terror Records.

KIRCHENBRAND is the Ugly Face of Black Metal... ist und bleibt definitiv Geschmackssache!


Darbietungen:
01. Widerliche Welt
02. Gegenkultur
03. Rigor Mortis
04. Willkommen Wolf
05. Lästerzungen
06. 45er Gehirnchirurgie
07. Tot sein
08. Das letzte Gefecht

Laufzeit: ca. 40 Minuten