Samstag, 14. Juli 2018

Review: Oscult - The Sapient - The Third - The Blind (CD, Northern Fog Records - 2018)

Lange hat es gedauert, bis das Debüt dieser süddeutschen Horde nun endlich veröffentlicht wurde. OSCULT werden ihr Werk offiziell am 14.07.18 präsentieren, mir lag es zwecks einer Rezension bereits vor, und zwar in der aufwändigen Ritual Priest-Edition. Dazu später jedoch mehr. Hier sei einmal mehr ein Dank an Northern Fog ausgesprochen, sowohl für die erneut freundliche Zusendung, wie auch für die Präsentation dieser Box.






Da es wohl noch nicht sehr viele Leute geben dürfte, die mit dem Namen OSCULT etwas anfangen können, hier einmal eine kurze Umschreibung ihres bisherigen Werdegangs: Die Gründung der Band geht bis ins Jahr 2006 zurück - diese fand in Bad Tölz statt. Lange Zeit scheint es dann still gewesen zu sein um das Projekt. Die ersten Lebenszeichen in Form von vereinzelten Liedern sollten nämlich erst Jahre später erscheinen: so tauchte im Jahr 2014 ein Song-Video mit dem Titel Introduction 9'Circle auf, welches schon einen guten Eindruck von der mystischen Atmosphäre okkulter Riten vermittelte. Im Jahr 2015 wurde dann ein Video zu dem Song I kamp Met Kvitekrist, bei dem es sich um eine Interpretation des Klassikers von ISENGARD aus dem Jahr 1995 handelt(e) (zu finden ist das Original auf dem zweiten Album Høstmørke). Wo das Original des norwegischen Projekts jedoch noch klare Anleihen an den typisch nordischen Viking Metal der damaligen Zeit aufwies, so verliehen OSCULT ihrer Version einen etwas anderen Anstrich - ließen ihn gar wie einen Beitrag klingen, der typisch für den deutschen Untergrund der frühen Mitt-90er Jahre war... so ließ man hier Einflüsse von heidnisch beeinflussten Bands wie ABSURD, wie auch PRIESTERMORD erkennen, zeigte sich jedoch auch in räudigen Black Metal Gefilden Marke DYING FULLMOON. Mit Swallowed by Darkness präsentierte die Band dann 2016 ein Nachspiel der süddeutschen Black Metal-Pioniere LOST LIFE, mit denen OSCULT eine enge Freundschaft verbindet. Schließlich fand man in dem Label Northern Fog Records einen verlässlichen Partner zur Veröffentlichung des bereits angekündigten Debüts. Man werkelte ergo knappe zwei Jahre an dem Werk, was ja generell eher ein schlechtes Zeichen ist, denn dieses ständige nachträgliche Bearbeiten führt meiner Erfahrung dann meist eher dazu, dass sich alles zu sauber, perfekt und glatt poliert anhört.

Mit The Sapient - The Third - The Blind haben OSCULT diesen Fehler jedoch nicht begannen, um es vielleicht einmal direkt am Anfang zu betonen. Im Gegenteil bietet das Album nicht nur vom Bandnamen und dem Titel her sehr sphärischen Okkultismus, bis hin zu absolut finsterem Satanismus, sondern verbindet das alles auch mit einem sehr authentischen Klangbild. Doch bevor ich hier nun auf die Musik eingehe, möchte ich mich doch noch einmal der Aufmachung dieser Box widmen, die eine Erwähnung mehr als verdient hat. Die sogenannte Ritual Priest-Box wird in einer flachen schwarzen Box mit aufgeklebten Logo und Wachs-Siegel präsentiert, welche neben zwei Stickern und einem Aufnäher noch eine Priester-Stola mit eingewebtem Logo, ein schwarzes Säckchen mit Hostien, drei Ritual-Kerzen, ein Fläschchen Altar-Wein mit Korken und Wachs-Siegel, das Zertifikat mit Limitierung, ein zusätzliches Bildnis mit Brandflecken und natürlich das Album als CD im Digipak mit 8-seitigem Beiheft beinhaltet. Eine wirklich sehr schicke, hochwertige Edition mit viel Liebe zum Detail.

Der religiöse Bezug erschließt sich eigentlich schon beim Blick auf das Cover der CD, wird aber, nachdem man die CD einmal eingelegt hat, umso deutlicher. Das Intro ist vielmehr als nur das... es ist der Beginn einer spirituellen Reise und schreit dem Hörer förmlich entgegen, dass man es hier mit allem, nur mit keinem gewöhnlichen Album zu tun bekommt. "Ewiglich auf der Suche nach dem Sinn/Dem Tod/Und der grenzenlosen Verachtung/Anti-Human, Anti-Life" verkündet das Ende des Menschseins und entführt den geneigten Hörer in Sphären des düsteren Zwielichts, in einen Zustand der Trance. Zwischen Erwachen und Traum. Synths begleiten den kehligen Singsang, der dem eher bewusst emotionslos gesprochenen Text folgt, sowie einsetzende Maultrommeln. Eine meditative Atmosphäre, die mich stark an die Zwischenspiele des zweiten HETROERTZEN Albums Ain Soph Aur erinnert oder auch an ACHERONTAS.

Hat der Hörer diese Schwelle zu seinem geistigen Bewusstsein beschritten und sein Inneres bereit ist, den anti-kosmischen Lehren dieser Horde zu lauschen, folgt auch gleich das erste Lied Apophis (The Philosopher), welches von klassischen Gitarren eingeleitet wird, mit einsetzendem Schlagzeug dann auch um einen rituellen und beschwörerischen Gesang ergänzt und von dezenten Synths begleitet wird. Nach einer guten Minute erfolgt ein Twist und es erklingen Industrial-mäßige Anklänge, die von einer weiblichen Stimme begleitet werden, die in einem unheilvollen Tonfall eine Beschwörungsformel aufsagt (ich denke mal, dass es ägyptisch ist). Danach wird mit keifendem Schreigesang ein Sturm entfacht, der finsteren Black Metal bietet, der einmal im Midtempo oder auch im etwas schnelleren Midtempo zelebriert wird. Der Text bezieht sich auf die alt-ägyptische Gottheit gleichen Namens, dem Gegenspieler Re's, dem Sonnengott. So vermute ich es zumindest... die Illustrationen im Beiheft lassen jedenfalls darauf deuten und so würden die Hieroglyphen am Anfang auch in einen sinnigen Kontext gestellt werden (daher auch meine Annahme, dass es sich bei dem weiblichen Beitrag von Ferox um ägyptische Sprache handelt - Anm.). Eine andere Passage ließe aber auch darauf schließen, dass hier vielleicht eher die Erzählung des Adapa aus der sumerischen Mythologie behandelt wird.

Mindless Divinity ist das nächste Stück und hält gleich schon die nächste Überraschung bereit, wird doch die hier ins Deutsche übersetzte abgedruckte Passage in einer weiteren Fremdsprache präsentiert. Welche, das konnte ich jedoch (noch) nicht recherchieren. Worum es in dem Lied geht, sollte eigentlich bereits der Titel aussagen. "Anti human - anti life/Belief in mortal shades/Solve your terrestrial bound/Rejected to reality's ground/Anticosmic creations dawn!" ... "Spit out your life - inhale the dark one". Es ist unbestreitbar, dass dieser Song auch eine gewisse ost-europäische Attitüde aufweist: Der leicht folklorische Einklang, die langsame Steigerung, das treibende und gleichsam donnernde Schlagwerk in Verbindung mit erhabenen, schnellen Gitarrenläufen - dazu noch der hymnisch zelebrierte Mittelteil und die Übergänge, dass klingt so typisch für tschechischen Black Metal oder aber auch für diesen speziellen polnischen Stil. "Follow the streams of the left hand path/(...)/Swallow your sacrificed soul following the star dust's signs".

Mit Nihilistic Schizophrenia folgt ein etwas zunächst etwas psychotisch und depressiv wirkender Beitrag. Dieser Eindruck soll sich im Verlauf sogar noch weiter bestätigen, wenn der depressive Aspekt aber nicht zur Gänze ausgespielt wird. Viel mehr bekommt man es hier mit einem psychedelischen und kränkelnd fiesen Schwarzmetall zu tun, der auch eine sehr rituelle Note inne hat, die von der Zerstörung des Lebens zeugt. "It's our purpose to destroy your life - dying godless in insanity". Instrumental betrachtet beschreitet man keine neuen Pfade, hält sich betont minimalistisch und eher im etwas langsameren Midtempo auf, nimmt zum Ende hin gar recht doomige Züge an, was den Eindruck einer rituellen (selbst)zerstörerischen Zeremonie noch untermauert.

Mit Abyssus Abyssum Invocat, dem nächsten Lied, präsentiert man dem Hörer jenen Song, der vorab auf YouTube als Video veröffentlicht wurde. Warum ausgerechnet dieses Stück ausgekoppelt wurde, wird einem schnell klar werden... bietet es doch eine durchgehend düstere und rituelle Atmosphäre, welche die Horde ja auch anstrebt. Dabei zeigen sich die Instrumente hier sehr getragen und jenseitig, scheinen klanglich kaum von dieser Welt zu sein. Der sehr guttarale Gesang erinnert einmal mehr an okkulte und luziferische Horden, doch hat auch etwas sehr individuelles an sich.

Als nächstes erklingt mit Geist der einzige durchgehend in Deutsch verfasste Beitrag des Albums. Ein Stück, welches man eindeutig dem rituellen Black Metal zuordnen kann, aber für mich auch ganz klar in die Kategorie Dark Metal fällt. So sind hier für mich ganz klar Parallelen zu Bands wie alten BETHLEHEM (Dictius Te Necare - Ära) zu erkennen, die vor allem in den eher schleppenden Passagen zum Vorschein kommen. Aber auch der Gesang lässt in seinem krankhaften Wahn durchaus einen Vergleich zu. "Die kosmische Zwiespältigkeit verneint die physische Berechtigung des irdischen Daseins/Gelähmt durch den Fluch einer transzendenten Spiritualität neige ich zur ironischen Selbsttötung", "In Lethargie gereift - Im blendend Licht verhöhnt/Der Misanthrop".

Kommen wir mit dem nächsten Stück, welches den kryptischen Titel DB01488 trägt zu dem ungewöhnlichsten Beitrag auf The Sapient - The Third - The Blind. Dieses ist größtenteils instrumental gehalten, nur die kryptische Abfolge des Titels wird einfach mehrmals buchstabierend wiederholt. Die Musik präsentiert sich hier als eine Mischung aus Dark Ambient, Industrial, EBM, Neue Deutsche Todeskunst, mit wuchtigen Bässen und treibenden Beats. Die Bedeutung des Titels hat im übrigen nichts Rechts-radikales an sich und dient nicht als braune Propaganda, sondern steht für Dimethyltryptamin, einem halluzinogenen Stoff, der als bewusstseinserweiterende und spirituelle Droge (Entheogen) verwendet wird. Dieser Stoff wird in der DrugBank, der Datenbank der renommierten Universität von Alberta, Kanada als DB01488 geführt. Man sollte sich nach dem erstmaligen Hören des Liedes die Bedeutung vor Augen halten und es dann noch einmal mit diesem Hintergrundwissen hören - und man wird schnell zu der Erkenntnis gelangen: So und nicht anders konnte / musste es  klingen.

Diesem Rausch folgt gleich der nächste. Dieses Mal allerdings nicht in Form elektronischer Musik, sondern wieder ganz traditionell mit klassischen Gitarren, die von einer E-Gitarre und nach und nach auch von einem einsetzenden Schlagwerk und sphärischen Synths begleitet werden. Der einsetzende Gesang unterstreicht den rituellen Aspekt und mit den Worten "Whispering dreams from Shibalbas temple open the portal to space and time" beginnt der Titel gebende Song erst richtig. Das Ganze schlägt in einen majestätisch getragenen, eher langsam zelebrierten Black Metal um, der aber nicht mit kleinen Details geizt, mit seinen knapp viereinhalb Minuten sogar etwas zu kurz geraten ist für meinen Geschmack. Eine Ode an die sumerischen Gottheiten und längst untergegangene Kulte.

I Am stellt dann auch bereits den Abschluss dieses spannenden Werkes dar und ist noch einmal ein hymnisches und recht atmosphärisches Stück Schwarzmetall. Düster, satanisch stolz und misanthropisch erhaben. "I am no longer the one, that i was before/I found my own self when the cosmos gave birth to me". Es schließt sich der Kreis - Anti human - Anti life!

Fazit:
Was für eine Zeremonie... The Sapient - The Third - The Blind gleicht einem 3/4-stündigen Rausch, einem schwarzen Strudel, der den willigen Hörer unbarmherzig weiter hinab mit in das Herz der Finsternis reißt. Ein unheilvolles Werk voller okkulter Riten und schwarzmagischer Energie. Man muss sich jedoch auch zu einem gewissen Grad auf dieses Album einlassen können, da so manche Passagen den Puristen unter euch sicherlich verunsichern, wenn nicht gar vor den Kopf stoßen dürften. Doch sollte man es sich unbedingt an einem Stück anhören, denn nur auf diese Weise wird sich einem die Intention auch erschließen. Das Album erschien bei Northern Fog Records auf CD in zwei Varianten: einmal im Digipak und dann in der Box-Edition, der diese Rezension zugrunde liegt. Die Box ist auf gerade einmal 30 Stück limitiert und schlägt mit 42,99 Euronnen zu Buche, die reguläre Version gibt es für 12,- Euronnen. Bestellungen gehen am besten gleich an den Mailorder von Northern Fog (ACHTUNG: der Urlaub der NFR-Crew vom 15.07. - 29.07.18 sollte dabei beachtet werden!). Anbei das offizielle Video zu Apophis (The Philosopher).

Ein vielseitig und -schichtiges Album, welches aber trotzdem die alten Traditionen ehrt und es definitiv wert ist, dass man sich als Hörer eingehender mit ihm befasst. Okkulter Wahnsinn trifft auf schwarze Spiritualität und anti-kosmische Lehren - meine hochachtungsvolle Ehrerbietung!


Darbietungen:
01. Intro
02. Apophis (The Philosopher)
03. Mindless Divinity
04. Nihilistic Schizophrenia
05. Abyssus Abyssum Invocat
06. Geist
07. DB01488
08. The Sapient - The Third - The Blind
09. I Am

Laufzeit: ca. 45 Minuten




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