Mittwoch, 20. Juni 2018

Review: Schattenfang - Ex Cineribus: Was blieb, als du gegangen bist (CD, Northern Fog Records / Wolfmond Production - 2018)

Die Erfurter Horde SCHATTENFANG um Gründer und Schlagzeuger Invidia melden sich in neuer Besetzung und mit neuer Kraft auch wieder mit einem neuen Album zurück, nachdem der Vorgänger Abgründe, ihr Debüt, mittlerweile auch schon knappe sechs Jahre zurückliegt (ist das wirklich schon so lange her?!). Der Stil auf dem Erstling wurde noch als räudiger und wilder Depressive Black Metal umschrieben, was auch irgendwie passte, da die musikalische Darbietung wirklich räudig und ungeschliffen klang, dabei aber aus tiefster Seele zu stammen schien.




So wurde aus Abgründe dann vielleicht kein perfektes Werk, doch half es der Horde ohne Zweifel, auf sich aufmerksam zu machen und sich bis heute einen gewissen Ruf im Underground zu erspielen. Immerhin wurde die erste CD seit ihrer Veröffentlichung noch zwei weitere Male neu aufgelegt, eine Auflage aus dem Hause Immortal Blood Records, welche ich ebenfalls besitze, kam gar in einer limitierten Auflage mit einer beschrifteten Bonus-CDr, die ganze vier Konzert-Mitschnitte, sowie die erste Demo Vom Abgrund und drei weitere Demo-Aufnahmen enthält. Mit Todesschrei hatte man eine äußerst markante Stimmgewalt, die dem Ganzen ein wenig die kranke Atmosphäre alter ANTIPHRASIS verlieh, gerade aber auch das treibende Schlagwerk machte den rauen Klang der Horde zu etwas Besonderem.

Doch lasst mich nun zu dem aktuellen Werk der inzwischen 4-köpfigen Truppe kommen, von der lediglich noch Invidia als einzig verbliebenes Mitglied von Anfang an dabei ist und mit Ausnahme von zwei für alle Texte verantwortlich zeichnet. Ex Cineribus: Was blieb, als du gegangen bist klingt als Titel natürlich erst einmal ziemlich abgedroschen und allein der deutsche Begleittitel macht wenig Hoffnung auf viel mehr als durchschnittlichen DSBM. Doch wer dieser, zugegebener Maßen nahelegenden Vermutung unterliegt, wird hier mehr als überrascht werden. Ex Cineribus bedeutet so viel wie Aus der Asche und kann sowohl als Rückkehr der Band interpretiert werden, lässt sich jedoch auch gerade im Hinblick auf die Texte und die Aufmachung auf vielfältige Art und Weise interpretieren.

Wie bereits das Debüt bezieht man sich mit einigen Songs und in Texten auf die Schrecken des ersten Weltkrieges und setzt damit auch einen Teil der Abgründe CD fort. So beschreibt gleich das erste Stück "Heimkehr", welches auf das einleitende "Tannenberg" folgt, auf eindrucksvolle Weise die Geschichte eines überlebenden Soldaten der Schlacht um Tannenberg, der nach der Rückkehr zu seiner Frau versucht, den Krieg zu verarbeiten, was ihm jedoch nicht gelingt, und bereits hier lässt sich absehen, dass die Geschichte im weiteren Verlauf kein glückseliges Ende nehmen wird: "Wär ich doch bloß als Held gefallen,/uns bliebe all das hier verborgen/und unsre Liebe währte ewig, und/man bangte nicht auf Morgen/gesiegt, doch nicht gewonnen,/kein Fest, kein Heldentanz/nur eine tote Seele - des Sieges fader Glanz!". Doch nicht nur diese konzeptionelle Erzählung ist Teil des Albums, sondern auch eher sehr persönliche Texte wie "Verwahrlost" (der Text stammt von Baldur Pest (selbst ehenmaliges Mitglied der Band, sowie mit HEIMLEIDEN aktiv) oder eine Neuaufnahme des Liedes "Mentale Disharmonie" (Text von Morbid - u.a. MORBID CONTEMPT / Arhymanoth, welche allen Anhängern gewidmet ist, die SCHATTENFANG über die Jahre die Treue hielten. So ist auch "Treiben" dem Werk des Künstlers A. Kaschte (u.a. SAMSAS TRAUM) gewidmet und ist von den Eindrücken, die durch Konversationen mit ihm entstanden, inspiriert. Letztendlich ist das gesamte Werk, sowie im Speziellen das Lied "Sommerelegie" einer Person namens L. J. Nimmrich gewidmet ("Dies hier hält länger als dein "Für Immer"), welche dem Verfasser einmal sehr nah gestanden haben muss, jedoch durch Trennung kein Teil mehr von ihm ist. Ob gewollt oder nicht, bleibt der Interpretation des Hörers überlassen, doch die Tatsache, dass in den - im übrigen sehr gut geschriebenen und ehrlich emotionalen - Texten kein gutes Haar an dieser Person gelassen wird, sprechen wohl schon eine deutliche Sprache. Mit über 10 Minuten ist "Sommerelegie" gar das längste Stück der CD. Was auffällt ist, dass hier gerade in dem Stück gerne mit Sequenzen gearbeitet wird, was augenscheinlich erst einmal gefährlich nahe an einer zu großen Monotonie herankommt, sich bei genauerer Betrachtung aber als durchdachtes Stilmittel erweist. So lassen sich immer mal wieder kleine Details ausmachen, die beim ersten hören vielleicht gar nicht bewusst auffallen. Den Schlussstrich zieht man mit "Am Ende des Schweigens". Kein verzweifelter Hilfeschrei, sondern die letzte Konsequenz einer toten Seele: Trage dich im Arm/Die letzte Träne fließt/Mit ihr entflieht mein Geist/Nur Hülle bleibt/(...)/Ich reiße mich mit schweren Klingen, aus der heutigen tragischen Zeit,/(...)".

Fazit:
Das zweite Album der Erfurter überrascht in vielerlei Hinsicht. Zum einen überrascht der Stil, der hier weniger räudig ausgefallen ist, sondern viel mehr auf melancholische Atmosphäre setzt. Was jedoch nicht bedeutet, dass sich SCHATTENFANG in allzu ausschweifender Weise dem Melodischen widmen würden. Spielerisch gibt es hier zwar kaum etwas auszusetzen und trotz gewollt monotoner Einschübe zeigt man doch, dass man seine Instrumente beherrscht und sein Handwerk versteht, auch was das erzeugen von Spannungsbögen betrifft. Man sollte sich also nicht zu sehr vom äußerst plakativen deutschen Titel in die Irre führen lassen: was einen hier erwartet, ist einiges mehr, als ein weiterer stupider und nichts ausdrückender Vertreter des DSBM! Die CD erschien in Kooperation von Northern Fog Records und Wolfmond Production, welche sie in einem schicken Digipak mit einem 16-seitigen Beiheft veröffentlichten. Das Beiheft enthält alle Texte, sowie Impressionen und Informationen zur Aufnahme. Zwecks einer Bestellung (die Kosten belaufen sich auf 14,- Euronnen) wenden sich Interessenten am besten an Northern Fog Recordsan Wolfmond Production oder aber den direkten Kontakt zur Band.

Eine emotionale Reise in die Abgründe einer schwarzen Seele. Beeindruckend!


Darbietungen:
01. Tannenberg
02. Heimkehr
03. Verwahrlost
04. Mentale Disharmonie MVII
05. Treiben
06. Welke Nächte
07. Sommerelegie
08. Am Ende des Schweigens

Laufzeit: ca. 45 Minuten




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