Donnerstag, 16. März 2017

Review: Siechtum - ...durch die Augen einer gequälten Seele (CD, Depressive Illusions - 2017)

Den Bruchteil einer Sekunde hatte ich SIECHTUM doch glatt mit SIECHENHEIM verwechselt und war deshalb über die Zusendung der Promo etwas verwundert. Bei der Sichtung des Materials wurde dann aber auch für mich schnell deutlich, dass dieses Solo-Projekt aus Brandenburg nicht wirklich viel mit der genannten räudigen Schwarzmetall-Kapelle aus Niedersachsen gemein hat. Waheela, einzige Person hinter dem Projekt, umschreibt den Stil als Ecocentric Black Metal, was nichts anderes bedeutet, als dass es hier ziemlich räudig, depressiv und manisch zu Werke geht, alles lyrisch vermengt mit dem Gedanken des Ökozentrismus...



Zugegeben: die Idee mutet gerade für Black Metal, um den es vornehmend kriegerisch und anti-religiös zugeht, sehr ungewöhnlich an. Liest man sich jedoch die Leitgedanken im Beiheft durch, so wird man schnell zu der Einsicht gelangen, dass dieses Konzept im Kontext des Albums nicht unbedingt etwas mit Öko-Lifestyle und diesem ganzen "Vegan-Trend" zu tun hat, sondern durch und durch misanthropisch zu verstehen ist. Und genau diese Tatsache bringt das Werk näher an den Kern des Black Metal, als es so manch anderes, viel beachtetes Werk tut. Inhaltlich verfolgt Waheela mit "...durch die Augen einer gequälten Seele" (welches im übrigen das bereits dritte Voll-Album seiner Band seit 2015 darstellt) den Werdegang eines Mastschweins, von der Geburt bis zu seiner Verarbeitung in der Fleischindustrie. Dass die Zustände und Bedingungen alles andere als würdig sind, kennt man ja bereits aus diversen Reportagen, die oftmals wirklich schockierend sind, und nach deren Sichtung man sich doch schon fragen sollte, ob man dieser ganzen "Geiz-ist-geil"-Mentalität weiterhin folgen sollte - vor allem in Hinsicht auf die Lebensmittel-Industrie. Billige Zusatzstoffe, Ersatzstoffe und krankmachendes Zeug findet sich einerseits in diesen ganzen Müll-Produkten - und diese ganzen Tiefstpreis-Kämpfe gehen letztendlich zu Lasten der Tiere, die für unser Wohl tagtäglich ihr Leben lassen müssen. Versteht mich nicht falsch: ich bin weder Vegetarier noch Veganer, noch sympathisiere ich damit, respektiere aber Leute, die tatsächlich nach dieser "Ideologie" leben, ohne einem Trend hinterher zu laufen. Ich bin aber auch nicht jemand, der jeden Tag unbedingt Fleisch braucht und schon gar nicht zu jedem Preis. Auch ich gehe lieber beim regionalen Metzger kaufen als im Discounter. Ob das Tier dort weniger durchgemacht hat, weiß ich natürlich nicht. Mein Gewissen beruhigt es aber.

Man kann dieses Album wohl kaum besprechen, ohne eine derartige Debatte vom Stapel zu reißen, wie mir gerade klar wird. Dabei hatte ich eigentlich versucht, so etwas zu vermeiden. Man kann das ganze natürlich auch metaphorisch betrachten. Die Zombie gleiche Masse Mensch, welche durch die Großkonzerne dieser Welt zur Schlachtbank geführt wird.

Mir ist klar, dass dies wohl nicht im Sinne von Waheela war. Er möchte mit SIECHTUM auf die Qualen von Tieren aufmerksam machen, die im Sinne des Ökozentrismus dem Menschen zumindest ebenbürtig sind, wie auch alles andere aus der Natur. Der Mensch ist das wahre Tier, welches Geschöpfe nur zum Spaß quält und tötet und um seine Gier zu befriedigen. Die Tiere dagegen sind die Träger der wahren innerlichen schwarzen Flamme, durch all ihre Wildheit und ungezügeltem Sein. Deshalb setzt sich SIECHTUM für ihre Rechte ein. Ob irgendein Teil des Erlöses der CD jedoch an eine Tierschutz-Organisation geht, weiß ich leider nicht.

Musikalisch betrachtet zelebriert man einen räudigen Underground, der grob im depressiven und suizidalen Schwarzmetall verwurzelt ist, jedoch auch einige härtere Passagen bietet und gerade beim ersten Lied "Eine grausame Geburt" auch sehr hasserfüllt und verachtend vorgetragen wird. "Trauma" stellt ein Instrumental dar, welches sich schon eher an dem reinen DSBM orientiert. Der nächste Song "Und kein Weg hinaus" schlägt in die gleiche Kerbe wie der Eröffnungstitel, bietet jedoch einige punkige und thrashige Nuancen. "Macht sie euch untertan" geht dann wieder eher Richtung DSBM mit einigen Post-Rock-Einschlägen und erweist sich als längster Beitrag des Albums. Der letzte titelgebende Song bietet dann keine großartigen Überraschungen mehr, wird aber sehr solide dargeboten und hat Dank seines Midtempo-Spiels sogar Züge von ganz alten BURZUM.

Fazit:
Ein Werk, welches für ein Black Metal-Album eine ungewöhnliche Thematik aufweist, die bei eingehenderer Betrachtung jedoch gar nicht mehr so ungewöhnlich anmutet. Musikalisch wird hier auch sehr solide Kost dargeboten. Freunde depressiver Tonkunst, die nicht gekünstelt traurig, sondern eher ehrlich und wütend wirkt, sollten hier auf jeden Fall ein oder zwei Ohren riskieren. Die CD im Jewelcase erschien über das Label Depressive Illusions Records aus der Ukraine und kann auch dort bezogen werden. Interessenten aus Deutschland sollten sich allerdings  direkt an SIECHTUM selbst wenden. Wer zunächst einmal Probe hören möchte, dem sei ein Blick auf das Soundcloud-Profil empfohlen, auf dem man sich "Eine grausame Geburt" und "Und kein Weg hinaus" anhören kann.

Depressives Black Metal-Werk mit ungewöhnlicher, aber wichtiger Thematik. Muss man sich allerdings drauf einlassen können. Für Anhänger der Richtungen DSBM, Raw Black Metal und Post-BM aber durchaus empfehlenswert!


Darbietungen:
01. Eine grausame Geburt
02. Trauma (Instrumental)
03. Und kein Weg hinaus
04. Macht sie euch untertan
05. ...durch die Augen einer gequälten Seele

Laufzeit: ca. 51 Minuten

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